Älter werden gehört zum Leben. Älter werden wir alle. Doch was bedeutet es eigentlich, älter zu werden? Das Alter hat viele Seiten: Es steht für gelebtes Leben, für Erfahrungen und Veränderungen – aber auch für das, was mit den Jahren wachsen kann: Gelassenheit, Klarheit, Lebensfreude.
Mit zunehmendem Alter kennen wir uns selbst oft besser, wissen, was uns wichtig ist und was nicht. Wir können auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen und manches mit mehr Gelassenheit betrachten. Zeit, Begegnungen und Erlebnisse bekommen eine andere Bedeutung. Und auch die Neugierde kann bleiben: auf Menschen, auf Neues und auf das, was das Leben noch bereithält.
Das Alter bewusst gestalten
Natürlich bringt das Älterwerden Veränderungen und manchmal auch Einschränkungen mit sich. Doch es eröffnet zugleich Möglichkeiten: Erfahrungen weiterzugeben, Beziehungen bewusster zu leben, innezuhalten oder noch einmal Neues zu entdecken. Deshalb lohnt es sich, den Blick auch auf jene Kräfte zu richten, die mit den Jahren entstehen können: Erfahrung, Besonnenheit, Lebensweisheit, Gelassenheit und ein klarerer Blick auf das Wesentliche. Und: Älterwerden geschieht von selbst, aber wie wir diese Jahre gestalten, liegt auch ein Stück weit bei uns.
Gedanken über das Alter und seinen Stellenwert in der Gesellschaft
Bei der 70-Jahr-Feier des OÖ Seniorenbundes richtete der evangelische Superintendent Dr. Gerold Lehner einen nachdenklichen Blick auf den Stellenwert des Alters und der Senioren in unserer Gesellschaft. Das möge verwunderlich sein, so Lehner. Denn wir leben in einer Gesellschaft, die das Alter absichert wie keine zuvor. Unser Pensionssystem funktioniert (noch), die medizinische Versorgung ist unglaublich hochwertig. Und dennoch bleibt ein merkwürdiges Gefühl.
Wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, die alle derartig unter Druck setzt, dass weder für Kinder noch für Alte und Kranke Raum und Zeit vorhanden ist im familiären Netz? Wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, die das Ideal der Leistungsfähigkeit und Jugend und Innovation so hochhält, dass man sich auch noch im Alter daran messen lassen muss, bzw. schlimmer, sich selber daran misst? Wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, welche die alten Menschen als Wähler schätzt und als Konsumenten, aber sie ansonsten milde lächelnd zur Seite schiebt?
Alter als Lebensphase der Reifung
Der berühmte Psychoanalytiker Erik Erikson, hat das menschliche Leben angesehen und hat darin Phasen erkannt, Lebensabschnitte, die jeweils ihre eigene Gestaltungsaufgabe, Herausforderung und auch Gefährdung beinhalten. Aber anders als viele andere, die auch entwicklungspsychologische Modelle entwickelt haben und dann geglaubt haben, sobald der Mensch erwachsen ist, hat er sein Ziel erreicht, hat Erikson weiter gefragt: Ist Erwachsensein und Erwachsenwerden die letzte Herausforderung des Menschen? Und er hat gefunden, nein, ist sie nicht.
Die letzte Herausforderung für den Menschen ist das alt werden. Das Alter selbst ist noch einmal eine Entwicklungs- und Reifungsstufe, ist noch einmal eine Aufgabe. Die Jahre vergehen von selbst, aber alt in diesem Sinne wird man nicht von selbst. Seniorin und Senior werden Sie nicht von selbst. Zumindest nicht, wenn Sie sich auf lateinische Wurzel dieser Worte besinnen. Mit diesem Wort verbunden ist das andere, des Senators, der Senatorin. Ursprünglich waren das im frühen Rom Menschen, die aufgrund von drei Merkmalen für Leitungspositionen ausgewählt wurden: Alter, Erfahrung, Lebensweisheit.
Erfahrung und Lebensweisheit als besondere Stärke
In der evangelischen Kirche ist der Begriff des Seniors, der Seniorin ein Ehrenbegriff, das sind die Stellvertreter des Superintendenten, die Bischofsvikare. Und das zeigt, dass in diesem Begriff der Senioren nicht nur die Klassifizierung nach dem Alter drinnen steckt, sondern mehr. Da steckt das Wissen drinnen, dass in einem Menschen, der diese Reifestufe erreicht hat, sich viel von dem vollendet, um was es beim Menschsein geht. Diese Menschen sind für eine Gesellschaft wichtig, weil sie sie ausbalancieren helfen.
Warum unsere Gesellschaft mehr Besonnenheit braucht
Im Moment befinden wir uns in einer Art Innovationstaumel und einer enormen Dynamik, des schneller, höher, mehr, weiter. Was hier oft genug fehlt, ist die Besonnenheit, die auch kritische Rückfrage: Brauchen wir das? Manchmal werden solche Rückfragen als fortschrittsfeindlich und bremsend und hinderlich dargestellt und abqualifiziert. Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen. Gerade der Fortschritt produziert laufend ein Problem nach dem anderen und das unbesonnene nach vorne Laufen mündet in so manche Sackgasse, aus der wir kaum mehr herauskommen. Ein Mehr an Fragen und ein Mehr an Geschwindigkeitsreduktion täten uns gut.
Alt zu werden stellt jeden einzelnen von uns vor Entwicklungsaufgaben: sich mit seinem Leben, so wie es geworden ist, zu versöhnen. Weite, Großzügigkeit, Barmherzigkeit, Dankbarkeit zu fördern; die Fähigkeit mehr zu geben als zu nehmen; Klarheit und Durchblick auf das Wesentliche. Alter ist kein Ende, sondern eine Aufgabe! „Es ist dem Menschen aufgegeben, bis zum Lebensende immer mehr Mensch zu werden.“ (TRE 12, 528).
Unser Buchtipp
Die sieben Mythen des Alterns
Was wir von der psychologischen Forschung lernen können
von Christina Ristl, Jana Nikitin
Hogrefe, 186 Seiten
ISBN: 9783456862934
Dieses Sachbuch widerlegt sieben verbreitete Mythen über das Älterwerden – wissenschaftlich fundiert und verständlich. Sie erfahren, wie Altersbilder Ihre Gesundheit prägen und warum Altern gestaltbarer ist, als viele denken.
